Von Prinzessinnen, Hexen und bösen Stiefmüttern – und wenn sie nicht gestorben sind, dann zanken sie noch heute.

Hinweis: Dieser Text ist nicht für, oder gegen Männer und Frauen, oder Diverse. Es beschreibt lediglich Stereotypen eines Märchens und der Gesellschaft.

Wir alle wuchsen mit Märchen auf.

Geschichten über Frauen, die vom Schicksal, Chancenungleichheiten und anderen Frauen (Hexen) geplagt werden, um am Ende den ultimativen Preis zu erhalten, den MANN, der sie auswählt, der Lohn für das jahrelange Linsen picken und das brave schuften, während die „bösen Hexen“, die unfair spielten die gerechte Strafe bekommen.

Eine Geschichte von Goldmarie, die für Fleiß belohnt wird, Pechmarie, die für ihre Faulheit Schande erntet und Karlsson der einfach am Dach sitzt und das Leben genießt.

ENDE GUT ALLES GUT, nicht wahr?….;)

Lasst uns das mal genauer ansehen.

  • Das „Zero-to-Hero“-Modell der Frau (Die Erhöhung durch Leid)

Es mag Zufall sein, oder nicht 😉 aber in fast allen Märchen geht es primär um Frauen.

Doch wer hier die klassische Heldenreise erwartet, wird enttäuscht.

Schauen wir uns Belle an: Eine Frau, die von der Gesellschaft geächtet wird, weil sie lieber liest, als sich in die Schlange der Brautwerberinnen einzureihen. Sie wird von Gaston objektifiziert. Er liebt sie nicht, er bewundert sie nicht, er will sie nur besitzen.

 Sie ist gezwungen sich in einer permanenten Abwehrhaltung zu befinden, um überhaupt noch einen funken Kontrolle über ihr Leben zu behalten und sie hat das „Glück“, wenn man es so nennen will, dass ihr Vater sie nicht sofort zwingt zu heiraten.

Doch am Ende muss sie doch für das Missgeschick ihres Vaters geradestehen und in ein Schloss am Ende der Welt ziehen, um ein „Biest“ zu bändigen. Ganz schön viel verlangt von dem sogenannten „schwachen Geschlecht“ oder?

Dann ist da Aschenputtel: Sie entwickelt Fähigkeiten, die sie heute in die Riege der Meisterdetektive katapultieren würden. Sie agiert inkognito, pickt Linsen aus der Asche, reitet heimlich aus und infiltriert Bälle – ein organisatorisches und logistisches Meisterwerk. Wäre „Detektivin“ ein Beruf für Frauen gewesen, sie hätte ein Imperium geleitet. Stattdessen nutzt sie all diese Intelligenz nur, um der Rolle der Dienerin für ein paar Stunden zu entfliehen.

Und Schneewittchen? Sie fliegt vor der Missgunst der alten Garde (Der „Rivalin“) nur, um bei einer Horde von Männern im Wald den Haushalt zu schmeißen. Es ist die einzige Option, die ihr das System lässt: Tausche den Tod gegen unbezahlte Care-Arbeit.

Die bittere Botschaft hinter der Geschichte:

Deine Superkraft ist nicht dein Verstand, dein Mut, oder deine Kreativität. Deine Superkraft ist deine Leidensfähigkeit. Das Märchen flüstert uns zu: Wenn du nur lange genug still bist, fleißig bist, unsichtbar bleibst und dich demütigst, wirst du am Ende „erhört“. Man verspricht uns die Krone, aber man meint das Joch. Wir werden darauf trainiert, Expertinnen im Ertragen zu werden, statt Expertinnen für unser eigenes Glück.

  • Der verwunschene Mann (Das Potenzial-Modell)

In der Märchenwelt ist der Mann selten ein fertiger Charakter. Er ist ein Projekt. Er ist ein Zustand, der erst durch die harte Arbeit einer Frau „erlöst“ werden muss.

Das vermittelt eine fatale Botschaft: Schau nicht darauf, wie er dich behandelt oder wie er sein Leben (nicht) im Griff hat – schau darauf, was aus ihm werden könnte, wenn du ihn nur genug liebst.

Komisch auch, dass diese Charaktere oft in Tier Form dargestellt werden, oder?

Nehmen wir das Biest: Der Freifahrtschein für Aggression

Das Biest ist der Klassiker. Er ist jähzornig, er isoliert Belle, er brüllt und ist sozial vollkommen inkompatibel. Aber hey, er hat eine tolle Bibliothek und eine traurige Hintergrundgeschichte, oder?

Das Märchen lehrt uns: Ein Mann der dich schlecht behandelt, oder sich nicht benimmt ist nicht toxisch, sondern nur „verzaubert“. Er kann ja nichts dafür, er ist ein Opfer seiner Umstände. Und die Aufgabe der Frau? Sie soll die psychologische Detektivarbeit leisten, seine Wunden heilen und so lange sein Gebrüll ertragen, bis er sich (vielleicht) in einen Prinzen verwandelt. In der Realität verwandelt sich das Biest meist nicht – er gewöhnt sich nur daran, dass immer jemand da ist der den Dreck wegräumt und eine Entschuldigung für das schlecht Verhalten findet. So wird aus der Frau die unfreiwillige Dompteurin, die Ersatzmutter, oder die persönliche Assistentin.

Der Frosch: Die Erwartung an den „First Kiss“.

Der Frosch ist das Symbol für den Mann, der eigentlich gar nicht in dein Leben passt. Er ist schleimig, er fordert Dinge ein, die dir unangenehm sind (an deinem Tisch sitzen, in deinem Bett schlafen) und er ist schlichtweg auf einer anderen Entwicklungsstufe und das alles nur, weil er die goldene Kugel aus dem Brunnen rettet, die er dir nicht mal geschenkt hat. Ein hoher Preis, nicht wahr?

Doch das Märchen sagt: „Küss ihn trotzdem!“ Das erscheint mir beinahe an der Grenze zur Nötigung zu sein.

So lehrt und das Märchen, über unsere eigene Ekelgrenze und Instinkte hinwegzugehen, weil in jedem „Frosch“ angeblich ein Prinz steckt. In der Realität ist ein Frosch oft einfach nur ein Frosch und wenn du ihn küsst, hast du am Ende meistens nur einen nassen Mund und einen Frosch, der ab jetzt auch noch deine Kissen dreckig macht.

Grenzen setzen wäre wohl nicht schicklich, Erpressung scheint dagegen salonfähig zu sein?

Die Zwerge: Die ewigen Junggesellen im Care-Arbeit-Abo

Die sieben Zwerge sind die Urbilder der männlichen Unselbstständigkeit. Sie gehen „in die Grube“ schuften (das Geschäftliche), haben noch nie eine Frau von Nahem gesehen und sind absolut nicht in der Lage auf Augenhöhe zu kommunizieren. Sie beschützen Schneewittchen vor der bösen Königin, indem sie sie zuhause einsperren und ihr sagen, sie soll mit niemandem reden, während sie den Haushalt schmeißt. Sie sind nicht böse, sie sind in erster Linie bequem und unbeteiligt – aber sie freuen sichüber den Gratis-Service und die weibliche Gesellschaft.

 sind aber absolut unfähig, ihren eigenen Haushalt zu führen. Sie brauchen ein Schneewittchen, das sie Betten macht

Der Mann im Märchen ist fast nie ein fertiger, gesunder Mensch. Er ist entweder ein Biest, ein Frosch, oder ein egoistisches kind.

Nehmen wir unser Biest als Beispiel. Ein verwunschener Prinz der Opfer eines Fluches wurde

Die Botschaft: Schau nicht auf das, was er ist (agressiv, süchtig, faul, emotional abwesend), sondern auf das, was er sein könnte, wenn du ihn nur genug liebst.

Die Falle: Wir verlieben uns nicht in den Mann der vor uns steht, sondern in sein Potenzial. Wir kaufen eine Aktie, die am Boden liegt und schießen unser ganzes Lebenskapital rein, in der Hoffnung auf eine Rendite, die nie kommt.

Warum dieses „Matching“?

Dieses System ist perfekt aufeinander abgestimmt, um beide Seiten klein zu halten:

  • Der Mann muss keine Verantwortung übernehmen. Er kann der „Verwunschene“ bleiben, weil er weiß, dass immer eine Frau kommt, die versucht, den Fluch zu brechen. Das Biest ist eine Komfortzone für Männer, die nicht erwachsen werden wollen.
  • Die Frau bleibt in der Warteschleife. Solange sie damit beschäftigt ist, den Fluch des Prinzen zu analysieren, muss sie sich nicht um ihre eigene Größe, ihr eigens Business oder ihr eigenes „High“ kümmern.

In den Märchen wird die Frau zur „Heldin, indem sie sich für einen Mann aufopfert, der es nicht wert ist. Im echten Leben ist die wahre Heldin aber diejenige, die den Frosch im Teich lässt und das Biest im Schloss hocken lässt.

Die wahre „Heldinnenreise“ ist der Weg von der Retterin zur Frau, die einfach ihr eigenes Leben genießt.

In der modernen Märchen-Version ist das Biest nicht mehr pelzig, sondern starrt auf Bildschirme, oder hängt in der Cannabis Wolke. Und was macht die moderne Prinzessin? Sie erfindet Entschuldigungen. Sie nennt ihn ein „Opfer“. Ein Opfer der Gesellschaft, ein Opfer der Industrie, ein Opfer seiner Kindheit.

Damit macht sie zwei fatale Fehler:

  1. Sie nimmt ihm die letzte Würde, nämlich die Verantwortung für sein eigens Handeln.
  2. Sie baut sich ein Podest aus moralischer Überlegenheit, auf dem sie hockt und „Verständnis“ zelebriert, während ihr eigenes Leben langsam im Dunst der fremden Sucht verschwindet.

Die Wahrheit, über die wir heute lachen:

Niemand ist ein Opfer, der sich jeden Tag aktiv für die Flucht entscheidet. Die wahre Heldin ist nicht die, die im Nebel des Partners mit untergeht, sondern die, die das Fenster aufmacht, den Rauch abziehen lässt und sagt: „ Du kannst hier gerne weiter Opfer spielen, aber ich gehe jetzt raus in die Sonne. Mein Leben ist mir zu kostbar für deine Ausreden.“

Du hast die wahl: Willst du die Frau sein, die Mitleid mit einem Opfer hat, oder die Frau die einen Mann will, der – genau wie du – mit beiden Beinen in der Realität steht?

  • Hexen, Stiefmütter und die „böse“ Rivalin – Das Modell der Spaltung

In fast allen Märchen gibt es diese eine Frau: Die böse Stiefmutter, die eifersüchtige Königin, oder die Hexe im Knusperhäuschen. Sie ist das personifizierte Grauen. Aber warum eigentlich?

Hierbei geht es um Schönheit als einzige Währung einer Frau. „Spieglein, Spieglein an der Wand…“ – Die böse Königin ist besessen von ihrer Schönheit. Warum? Weil sie verstanden hat, dass in einem patriarchalem System die Schönheit die einzige Währung ist, mit der eine Frau Macht kaufen kann. Dass sie Schneewittchen töten will, ist kein biologischer Irrsinn, sondern pure Existenzangst. Das System lehrt uns: Es gibt nur Platz für eine an der Spitze. Wenn eine Jüngere (die nächste Goldmarie) kommt, ist deine Zeit abgelaufen.

Jung gegen Alt. Das Märchen hetzt die Generationen aufeinander. Undenkbar, dass eine Frau auch ohne die schönste im Lande zu sein Wert und Macht besitzen kann, nicht wahr? Lehrte uns doch die Geschichte, dass einige Frauen die höchsten Ämter besetzt haben. Königinnen, Zarinnen und wahrscheinlich gab es sogar einen weiblichen Papst.

So wird die „alte“ Frau (Hexe, Stiefmutter) als bösartig dargestellt und die „junge“ (Schneewittchen/Dornröschen) als das unschuldige Opfer.

Es möchte uns lehren keiner anderen Frau zu trauen, schon gar nicht, wenn diese mächtiger, oder erfahrener als du ist.

Die Krux ist solange man sich gegenseitig als Konkureninnen wahrnimmt und um die Gunst des „Königs“, oder des „Prinzen“ kämpft, bleiben beide unten.

Während die Frauen sich im Wald, oder im Schloss gegenseitig die Augen auskratzen, Ränke schmieden und Äpfel vergiften lehnt sich der König entspannt zurück. Er muss ja gar nicht herrschen, die Frauen kontrollieren sich ja bereits gegenseitig.

Vor lauter Drama und Gezanke sollte man eine weitere Figur nicht außer Augen lassen.

Die „Hexe“ aka die Frau mit dem eigenen Business.

Schauen wir uns diese mal genauer an: Sie lebt alleine im Wald mit ihrem Kater. Sie ist autark. Sie kennt sich mit Kräutern aus. Sie ist Immobilienbesitzerin (Lebkuchenhaus).

Darum dichtet man ihr an, dass sie Kinder frisst um als „böse“ darzustellen. Undenkbar, dass eine Frau, die ohne Mann im Wald lebt, ihr eigenes Ding macht und über geheimes Wissen verfügt, für das System eine absolute Bedrohung ist. Sie ist die Ur-Form von Karlsson auf dem Dach – nur ohne Propeller, dafür mit Besen.

Die böse Frau ist oft nur eine Frau, die aufgehört hat, eine Goldmarie zu sein. Sie ist bitter geworden, weil sie im System gefangen blieb, anstatt wegzufliegen. Statt die junge Frau zu unterstützen, gibt sie den Schmerz weiter, den sie selbst erfahren hat.

Und die Moral von der Geschicht?

Traue keinen hunderte Jahre alten Texten nicht.

Märchen wurden wie viele Texte auch über viele Jahre mündlich weitergetragen und vermutlich wie viele andere Texte auch irgendwann an die gängigen Moralvorstellungen angepasst, damit ja niemand ausschert und die Gesellschaft wankt. Die sie 2026 aber ohnehin wankt, denke ich nicht, dass wir unseren Kindern weiterhin diese Frauenbilder vermitteln sollten. Frauen sind wertvoll unabhängig ihres Alters und ihres Aussehens, genauso wie Männer auch.

Niemand wir ein besseres Leben führe, weil er das eines anderen korrumpiert hat.

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